Auf den Spuren Pablo Escobars

Auf den Spuren Pablo Escobars

In Medellín besuchte ich eine dreistündige Stadttour zu den Wirkungsorten Pablo Escobars. Etwas makaber, doch diese Tour half mir ungemein, zu verstehen, was Kolumbien für eine schwierige Geschichte zu bewältigen hat. Zudem half sie, mein durch Netflix und „Narcos“ völlig verzerrtes Bild dieses Verbrechers geradezurücken. Gewiss, Pablo Escobar ist ein interessantes Phänomen, das man verstehen muss, wenn man Kolumbien verstehen will. Doch eines ist er ganz sicher nicht: ein Held.

In den 80er und 90er Jahren, als Escobars Medellín-Kartell in voller Blüte stand, galt Medellín als die gefährlichste Stadt der Welt. Für die meisten Kolumbianer ist Pablo Escobar heute eine Persona non-grata: ein Tabu, über das man nicht spricht. Auf einer dreistündigen Stadtrundfahrt, die ich am selben Tag noch machte, wurde Escobar kein einziges Mal erwähnt, obwohl er enormen Einfluss auf die kolumbianische Geschichte der letzten 30 Jahre hatte.

Es ist, als würde das Land an einer Art kollektiver posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Die Farc hatte das Land mehr als 50 Jahre im Griff, zudem waren viele Familien von den Attentaten der Drogenkartelle unmittelbar betroffen. Man sagt, so ziemlich jeder hätte eine grausame Verlust-Geschichte aus seiner Familie zu erzählen. Einer der Killer Escobars wurde später, nach seiner Haftentlassung interviewt und er gestand, allein er habe etwa 3000 Menschen ermordet. Wenn man bedenkt, dass Escobar eine ganze Armee von Attentätern hatte und es neben ihm auch noch andere Drogenkartelle in Kolumbien gab, ist es schier unvorstellbar, wie viele Menschenleben der Drogenkrieg auf dem Gewissen hat. Als wäre das persönliche Schicksal der Hinterbliebenen nicht schlimm genug, erfüllt heute der weltweite Ruf, das Land des Drogenhandels zu sein, die Menschen mit großer Scham. Daher ziehen die Kolumbianer es vor, nicht über diese Vergangenheit zu sprechen.

Der Tourguide führte uns zu einem Heiligtum, das einst für die Bewohner der Nachbarschaft eine wichtige Stätte war, um Beistand zu suchen. Während des Drogenkriegs wurde dieser Ort zunehmend von den Attentätern Escobars frequentiert. Sie kamen dorthin, um Mutter Maria um Unterstützung und Schutz für ihre Attentate zu bitten. Sie baten sie sogar, ihre Kugeln zu segnen, damit sie das Ziel besser treffen. (Da es in Südamerika üblich ist, an diesen Sanktuarien kleine Botschaften an die Mutter Maria zu hinterlassen, waren diese morbiden Wünsche natürlich auch für die Nachbarschaft sichtbar.) Nach einer erfolgreichen Hinrichtung kamen die Attentäter zurück und hinterließen ein Zeichen der Danksagung. (Diese wurden nach der Escobar-Ära entfernt.) Diese seltsamen und gefährlichen Besucher erschreckten die normalen Gäste so sehr, dass sie diesen Ort zu meiden begannen. Acht Jahre lang besuchten keine anderen Katholiken als die Killer Escobars dieses Heiligtum. Die reguläre Bevölkerung musste auf ein Sanktuarium außerhalb der Stadt ausweichen oder stattdessen in eine normale Kirche gehen.

Nach dem Sanktuarium besuchten wir das Stadt-Palais, das Escobar für sich und seine Familie einschließlich seiner wichtigsten Mitarbeiter errichteten ließ. Er nannte es „Monaco“, als Provokation für die High Society von Medellín: Direkt vor seinem Haus befand sich der angesehenste Club der Stadt, in der sich die High Society zum gesellschaftlichen Miteinander traf. Obwohl Escobar der reichste Mann des Landes und laut Forbes sogar der siebt reichste Mann der Welt war, wurde ihm nie der Zugang zu diesem Club gewährt, was sein Ego nie wirklich verkraftete.

Von der kolumbianischen High Society ausgeschlossen zu sein, war für Escobar eine solche Demütigung, dass er seinen Namen in großen Buchstaben an die Wand seines Palastes setzte, so dass jeder im Club auf der anderen Straßenseite ihn lesen musste. Das Haus steht heute leer und da eine Renovierung sehr teuer würde, beschloss die Stadt, das Gebäude abzureißen und dort einen Gedenkpark für die Opfer der Escobar-Ära zu errichten.

Anschließend besuchten wir das Grab Escobars. Erschreckenderweise liegen Blumen darauf. Trotz des kollektiven Traumas gibt es immer noch Leute, die ihn verehren. Es sind diejenigen, die seiner Zeit zu den wirklich ärmsten der Gesellschaft zählten und Kanonenfutter für Escobars Wahlkampagne boten. Während Escobar für den Kongress kandidierte, gehörte es zu seinen „Wohltätigkeitsaktivitäten“, ganze Stadtviertel zu sanieren, Sportplätze zu schaffen oder ausgewählten Familien den Bau eines kleinen Hauses zu ermöglichen. Durch diese Unterstützung (aka Bestechung für Wählerstimmen) gelangten viele sehr arme Familien zu einem elementaren Wohlstand. Bis heute sind diese Familien Anhänger Escobars und sorgen dafür, dass sein Grab immer mit Blumen versorgt ist.

Ein paar Meter neben seinem eigenen findet sich das Grab einer Frau namens Griselda Blanco de Trujillo. Sie war Escobars Mentorin und eine noch größere Wahnsinnige als er. Zeitweise stand sie in der Mafia-Hierarchie über ihm und erfand die Tötungstechnik, die später alle Drogenbosse anwendeten (jemanden von einem fahrenden Motorrad aus erschießen). Ironischerweise wurde Griselda vor ein paar Jahren auf dieselbe Weise getötet. Soweit ich mich erinnere, war sie die einzige Frau in der Mafia.

Als letzte Station besuchten wir das Haus, in dem Escobar von der Polizei erschossen wurde. Netflix versuchte das Gebäude zu mieten, doch der Eigentümer stellte so absurde finanzielle Forderungen, dass selbst Netflix sie nicht zahlen wollte. Schließlich filmten sie die Szene im Haus zwei Aufgänge weiter, welches fast identisch aussieht.

Ich fragte den Tourguide, ob in Kolumbien immer noch viel Drogenhandel herrschen würde. Er fragte mich im Gegenzug: „Nehmen die Leute in deinem Land Kokain?“ Sicher tun sie das. Viel sogar. Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, doch jede Line Kokain trägt dazu bei, ein korruptes System am Leben zu halten, das echte Demokratie verhindert und Länder wie Kolumbien in einem ewigen Trauma gefangen hält. Ich habe mich noch nie wirklich mit Drogen befasst, doch zum ersten Mal wurde mir klar, dass es nicht nur eine Frage der persönlichen Gesundheit ist, Dinge wie Kokain abzulehnen, sondern auch ein politischer Akt der Solidarität mit den Menschen, die unter den Folgen des Drogenkriegs zu leiden haben.

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