Ayahuasca im Hummingbird Center

Ayahuasca im Hummingbird Center

Es fällt mir etwas schwer, die Erfahrung im Retreat so zu beschreiben, dass sie hier mit der Öffentlichkeit teilbar ist. Was man auf einem Ayahuasca-Retreat erlebt, ist so unendlich persönlich, dass man das meiste davon nur mit sich ausmacht. Dennoch will ich zumindest über die äußeren Erlebnisse etwas berichten, da ich das Thema hier ja schließlich angerissen habe.

Ich war im Hummingbird Center, das etwa 45 Minuten mit dem Auto von Iquitos entfernt liegt. Es wird betrieben von einem US-Amerikaner, Jim, der hier mit seiner peruanischen Frau und ihren gemeinsamen Kindern lebt. Auch zahlreiche Angestellte leben zeitweise auf dem Gelände, die für die alltäglichen Abläufe sorgen, außerdem der Schamane Manaim, der aus einer weiter entfernt gelegenen Gemeinde kommt und für Arbeitsphasen hier im Retreat-Center bleibt. Das Center ist eine typische Dschungel-Lodge bestehend aus verschiedenen Holzhäusern, die sich, gesäumt von Blumenbeeten, weit über das Gelände verstreuen. Es ist ein wunderschöner Ort! Friedlich, ruhig und sehr gepflegt.

Für die Unterbringung der Gäste gibt es ein Gebäude mit mehreren Einzelzimmern, in denen die normalen Retreat-Gäste untergebracht werden, sowie mehreren kleinen Hütten versteckt im Wald, in denen die Langzeit-Gäste wohnen, die hier einen oder sogar mehrere Monate verbringen. Die Zimmer sind einfach und im typischen Dschungel-Stil gehalten. Es gibt ein Bett mit bequemer Matratze, Kissen und Decke, ein Regal für persönliche Gegenstände und rundherum Moskito-Netze. Kein Luxus, aber durchaus ausreichend, um sich wohlzufühlen. Die Toiletten sind eine kleine Gewöhnungssache: Bio-Toiletten, die mit Sand bedeckt werden. Hier wird nicht gespült, sondern geschaufelt. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran. Dafür gibt es an den Waschbecken und in den Duschen fließendes Wasser, wenn auch nur kaltes. Auch beim Strom muss man Abstriche machen: Dieser wird mit dem Generator betrieben, der abends ab 22 Uhr abgestellt wird. Dann ist es stockfinster und man muss sich mit einer Taschenlampe behelfen.

Jim holte uns am Freitag morgen in Iquitos ab. Meine Gruppe bestand mit mir aus vier Leuten, zwei Jungs, zwei Mädels, alle aus verschiedenen Ländern Europas. Auf dem Gelände angekommen, trafen wir dann auf drei weitere Gäste, die einen längeren Aufenthalt hier verbrachten.

Nach einem ausgesprochen leckeren Mittagessen gab es eine Einführungssession, in der uns erklärt wurde, was in den folgenden Tagen passieren wird. Wir hatten natürlich alle viel über Ayahuasca gelesen, doch was wir hier erfuhren, war für uns alle noch mal sehr aufschlussreich. Die erste Session sollte noch am selben Abend stattfinden. Wir alle hatten gute Gründe hier zu sein. Niemand war auf der Suche nach einem abgefahrenen Trip, sondern wir alle hatten unsere Geschichte, wegen der wir Ayahuasca als ernsthaften Lösungsansatz in Betracht zogen. Wir alle hatten ein kleines Vermögen aufgebracht, um herkommen zu können, und hatten alle gehörig Schiss vor der ersten Sitzung. Nach all der Vorbereitung war es für uns so, als würde sich die Menschheit in zwei Gruppen teilen: diejenigen, die Ayahuasca schon mal erlebt hatten, und die, die es allenfalls vom Hörensagen kennen. Wir alle fieberten dem Moment entgegen, von der einen in die andere Gruppe überzuwechseln.

Selbiges geschah dann auch bereits am ersten Abend. Um 18 Uhr sollten wir uns in der Maloka, der Zeremonie-Hütte, versammeln. Es regnete wie aus Eimern, was es zu einer Herausforderung machte, aus unseren Zimmern hinüber in die Maloka zu kommen. Ein tropischer Regen ist mit dem, was wir an Regen in Europa kennen, kaum vergleichbar. Wenn es regnet, dann regnet es sintflutartig. In der Maloka angekommen, tat der Regen sein Übriges, um die Situation noch unheimlicher zu machen. Es war stockfinster, nur eine Kerze brannte, draußen schrien Vögel und es tobte ein tropisches Gewitter. Meine erste Zeremonie verlief fast lehrbuchartig, mit allen schönen und weniger schönen Komponenten. Ein Ayahuasca-Trip ist anstrengend. Sehr, sehr anstrengend. Soviel konnte ich nach der ersten Nacht sagen. Gegen Mitternacht waren wir zurück in unseren Zimmern. Meine kleine Vierergruppe saß noch eine Weile auf der Veranda vor unseren Zimmern und wir tauschten unsere Erlebnisse aus.

Am nächsten Tag gab es nach dem Frühstück eine Gesprächsrunde mit Jim und dem Schamanen, in der die Erlebnisse der vorherigen Nacht besprochen wurden. Das war sehr hilfreich, allein schon um aus der Erzählung der Erfahrung für sich selbst Sinn zu erschaffen. Die Erlebnisse innerhalb unserer Gruppe waren sehr unterschiedlich. Manche hatten eine ganz wunderbare Nacht, manche eine eher schwierige, manche erlebten gar nicht viel. Dieser Ablauf sollte sich in den nächsten Tagen regelmäßig wiederholen.

Ich möchte nicht weiter darauf eingehen, was ich im Detail erlebt habe oder was meine Mitstreiter erlebt haben, denn letztlich muss jeder seine Ayahuasca-Erfahrung selbst machen und sie auch in erster Linie mit sich selbst ausmachen. Es war für uns jedoch immer sehr hilfreich, einander zu haben, um die Erlebnisse zu reflektieren und zu verarbeiten.

In vielen Retreat-Centern gibt es ein Begleitprogramm bestehend z.B. aus Yoga und Meditation. Dies ist im Hummingbird Center nicht der Fall. Jim hielt nicht viel davon und bat auch darum, die Maloka nicht für eigene Yoga-Übungen zu nutzen. Dies fand ich etwas schade, da ich oft das Gefühl hatte, dass eine weitere Aktivität am Tag, welche die Integration fördert, sehr hilfreich gewesen wäre. Möglichkeiten für andere Aktivitäten hielten sich sehr in Grenzen, was aber durchaus Teil des Konzepts ist. Es gab allerhand Materialien zum Malen, einen Teich, in dem man schwimmen konnte und unzählige Hängematten, in denen man in den Tag hinein dösen, träumen oder Tagebuch schreiben konnte. Fernsehen oder Internet hab es nicht, derartige Ablenkung wäre der Sache auch nicht angemessen gewesen.

Der Alltag im Hummingbird Center ist somit sehr einfach gestrickt: Frühstück, Gesprächsrunde, dösen, Mittag, dösen, schwimmen, dösen, dann entweder Abendessen oder Ayahuasca-Zeremonie, schlafen gehen. (An den Zeremonie-Tagen gibt es kein Abendessen.)

Ich hatte vorher lange recherchiert, um ein Center zu finden, das mir seriös und sympathisch erscheint und ein Retreat zu meinem gewählten Zeitraum anbot. Ich habe die Wahl nicht bereut, sondern habe mich die meiste Zeit sehr wohl gefühlt. Das Essen war fantastisch und jeden Tag aufs Neue ein Highlight. Mein einziger Kritikpunkt war die Nachsorge unmittelbar nach den Zeremonien. Ich hatte mehrere Nächte, in denen ich sehr viel länger brauchte, um wieder zurück zu kommen, als die anderen. Dann fand ich mich manchmal allein in der Maloka, ohne Hilfe und ohne Orieniterung. Nach dem Ayahuasca ist man oft noch sehr benommen und tut sich schwer, sich sicher im Raum zu bewegen, etwa wie nach einer Narkose. Es wäre in diesem Zustand für mich unvorstellbar gewesen, allein in der Dunkelheit durch das Waldstück zurück zu meinem Zimmer zu laufen. Daher verblieb ich mehrfach länger in der Maloka als mir lieb war.

Ein Highlight hingegen, das man in anderen Centern nicht so ohne Weiteres findet, war der San-Pedro-Tag. San Pedro (oder auch „Huachuma“) ist ein haluzinogener Kaktus aus den Anden, der von den Anden-Völkern ebenso als Heiligtum betrachtet wird wie Ayahuasca von den Amazonas-Völkern. Im Gegensatz zu Ayahuasca wird er am Tag eingenommen und kommt mit einem völlig anderen Erlebnis daher. Die Wirkung dauert länger, sehr viel länger als bei Ayahuasca (etwa 12 bis 14 Stunden) und was man erlebt, kann von einer tiefen Naturerfahrung über eine Begegnung mit dem Göttlichen bis hin zu einem andersartigen Durchleben seiner persönlichen Lebenssituation reichen. Den San-Pedro-Tag verbrachte jeder für sich, still in seiner Hängematte liegend, allein mit seinen Gefühlen und Gedanken. Für manche war es ein schwieriger Tag, für mich war er ein bisschen schwierig (u.a. weil ich erkältet war und Durchfall hatte), aber insgesamt auch ein sehr großartiger.

Mein eigentliches Retreat sollte neun Tage gehen und vier Ayahuasca-Sitzungen beinhalten. Da ich vor meinem Abflug noch einen Tag in Lima eingeplant hatte, auf den ich ohnehin nicht so versessen war, verlängerte ich meinen Aufenthalt um einen Tag und konnte so eine weitere Sitzung mitnehmen, die in meiner persönlichen Geschichte auch sehr viel Sinn machte, da sich erst durch sie ein Bogen schloss. Ich flog dann gegen Mittag aus Iquitos zurück nach Lima und nahm abends meinen Flieger zurück nach Deutschland.

Würde ich mein nächstes Retreat wieder im Hummingbird machen? Wahrscheinlich nicht, da ich etwas ausprobieren würde, was mehr zusätzliche Integrationsangebote bietet. Würde ich es anderen als Erst-Erfahrung empfehlen? Ganz klar ja. Die Zulassung zum Retreat erfolgt erst nach einer persönlichen Abklärung der individuellen Situation einschließlich medizinischer Vorgeschichte, die Vorab-Information war umfangreich, der Kontakt im Vorfeld war nett und vor Ort wurden wir gut umsorgt und betreut. Es ist ein schönes Center, in dem man sich wohlfühlen kann und in dem man eigentlich auch ganz ohne Ayahuasca eine gute Zeit mit sich selbst verbringen könnte.

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