Die mysteriöse Ayahuasca-Diät

Die mysteriöse Ayahuasca-Diät

Es wurde im Internet bereits viel geschrieben zur „Ayahuasca-Diät“, die man vor einer Zeremonie befolgen sollte. Dennoch bleibt sie für viele, die sich neu auf diesen Weg machen, ein Rätsel. Jeder Artikel scheint seine ganz eigene Auffassung von dem Thema zu haben. Es finden sich im Netz höchst unterschiedliche Listen mit Lebensmitteln, die man angeblich nicht essen darf – manche so strikt, dass man sich fragt, was man überhaupt noch essen darf.

Es scheint Einigkeit darüber zu geben, dass Rindfleisch, Schweinefleisch, Milchprodukte, Zucker, Salz, scharfe Gewürze, fettiges bzw. fritiertes Essen, Kaffee, Alkohol und Sex zu vermeiden sind. Manche Retreat Center bitten jedoch darum, auch Tomaten, Obst, Hülsenfrüchte, Brot, jedwedes Fleisch und sogar das Lesen von Büchern oder die Nutzung des Internets vor einem Ayahuasca-Retreat aus dem Leben zu streichen. Wer hat denn nun recht?

Die medizinische Antwort

Zumindest eine medizinische Erklärung gibt es, um bestimmte Lebensmittel auszuschließen. Lebensmittel, die Tryptamin enthalten, können mit einem Wirkstoff im Ayahuasca (den so genannten MAOI, also Monoamine-Oxidase-Inhibitoren) zu Neben- bzw. Wechselwirkungen führen. Zu Tryptamin-haltigen Lebensmitteln gehört im Wesentlichen Fermentiertes, Altes und Getrocknetes. In entsprechenden medizinischen Listen findet man folgende Verbote: gereifte Käsesorten, Hefeextrakte (nicht jedoch Backhefe), getrocknetes, gealtertes oder geräuchertes Fleisch oder Fisch (nicht jedoch frisches Fleisch oder frischer Fisch), Sauerkraut, bestimmte Weinsorten, Tofu und Soja sowie bestimmte Extrakte, Konzentrate und Öle. Bis auf vielleicht Tofu und Soja sind das alles Lebensmittel, die sich relativ leicht aus dem Speiseplan streichen lassen, ohne dass man großartig verzichten muss. Das Tryptamin allein kann die vollständige Bedeutung des Diät-Mysteriums also nicht erklären.

Die ökologische Antwort

All die widersprüchlichen Ernährungsregeln haben mich während der Vorbereitung total gestresst. Ich wollte es richtig machen, um das Risiko einer negativen Erfahrung zu minimieren. Das Resultat war, dass ich Angst hatte einen Fehler zu machen, jedes Mal wenn es ans Essen ging. Dieser Dauerstress ist sicher nicht der beste Geisteszustand, um sich auf Ayahuasca vorzubereiten. Als ich in meinem Retreat Center ankam, fand ich heraus, dass sie eine sehr viel mildere Version der Diät praktizierten. Das Essen war schmackhaft, gewürzt und – zu meiner Überraschung – sehr abwechslungsreich. Wir aßen Brot, Hüselnfrüchte, Obst, Tomaten, Fisch und Hähnchen – und genossen jede Mahlzeit. Während des Retreats erfuhr ich, dass die Diät-Auflagen keine traditionelle Sache sind. Während Verhaltensregeln (wie z.B. kein Sex vor und nach dem Ayahuasca-Prozess) im Amazonas traditionell angewandt werden, wurden die Ernährungsregeln von den Gringos importiert, die seit den 80ern in den Amazonas kamen und Ayahuasca an die Lebenswelt westlicher Touristen anpassten.

Wenn man sich den Nahrungskreislauf im Amazonas anschaut, dann gibt es dort einfach kein Rind und kein Schwein, da es kaum Viehzucht gibt. Aus demselben Grund gibt es traditionell keine Milchprodukte auf dem Speiseplan. Auch Zucker und vor allem Salz sind in diesem Ökosystem nicht zu finden. Salz ist ein sehr luxuriöses Produkt, das seit jeher importiert werden musste und sich erst spät in der Dschungelküche verbreitete. Und warum sollte man Zuckerrohr oder -rüben anbauen, wenn man süße Früchte direkt vom Baum pflücken kann? Mit anderen Worten: Die Ayahuasca-Diät ist meiner Schlussfolgerung nach eine (nützliche) Erfindung der jüngsten Vergangenheit, um uns Nicht-Amazonier an den sauberen, unverdorbenen Ernährungsstil des Amazonas anzupassen und alle unnatürlichen Komponenten auszuschalten, die wir durch unseren landwirtschaftlichen und industrialisierten Lebensstil gewohnheitsmäßig aufnehmen.

Die egozentrische Antwort

Das erklärt jedoch immer noch nicht die Unterschiede in den Diät-Vorgaben. Eine Erklärung, die mir der Betreiber meines Retreat Centers gab, erschien mir sehr plausibel: Viele der westlichen Ayahuasceros, die in den Amazonas kamen, waren in irgendeiner anderen spirituellen Tradition oder Denkschule verwurzelt, in der bestimmte Lebensmittel als negativ galten. (Der aktuelle Trend, Gluten zu verteufeln, illustriert das ganz gut.) Das Ergebnis war ein Diät-Wettbewerb zwischen den Centern, wer der beste, strengste, gläubigste, reinste Ayahuascero ist. Ob dieses Wettrüsten im Interesse der Teilnehmer ist, die in diesen Centern Hilfe suchen, ist fraglich.

Zumindest beweisen die unterschiedlichen Ernährungsstile eines: Es gibt nicht die eine Wahrheit. Ich habe in Kolumbien bei meinem Besuch eines Schamanen ohne jeden westlichen Einfluss zwei Stunden vor der Zeremonie noch fritierte Bananen und pappsüßen Kaffee bekommen. Unterschiedliche Stile der Ayahuasca-Diät funktionieren für verschiedene Menschen. Es gibt Leute, die Geflügel und Tomaten essen und trotzdem eine ganz wunderbare Erfahrung haben. Einzig Rind- und Schweinefleisch scheinen einen recht starken Einfluss auf die Erfahrung zu haben. Da Fleisch langsamer verdaut wird, kann es sein, dass die „Reinigung“ (Ihr wisst was ich meine) sehr, sehr anstrengend wird.

Die spirituelle Antwort

Eine andere Begründung für die Ernährungsregeln ist die spirituelle Vorbereitung. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass die Diät-Regeln einen sehr interessanten psychologischen Zweck erfüllen: Jedes Mal wenn du isst, denkst du ans Ayahuasca. Dies ist ein sehr geschickter Weg, die Aufmerksamkeit auf die anstehende Erfahrung zu lenken und eine gewisse Demut zu erzeugen. Fasten ist in praktisch allen spirituellen und religiösen Traditionen ein Bestandteil der Glaubenspraxis. Die Entbehrung verschiebt den Fokus vom Nahrungsgenuss, der oft ein emotionales Hoch mit sich bringt, hin zu einem selbst und den Emotionen, die freigelegt werden, sobald die Routine durchbrochen ist. Neben der physischen Reinigung, die während der Ayahuasca-Diät stattfindet, hat sie also auch eine mental reinigende Funktion.

Sich wegen der Diät-Regeln verrückt zu machen ist sicher nicht gerade der gesündeste Weg, mit dem Thema umzugehen. Auf meine Frage, warum wir vor der Zeremonie in Putumayo Bananen essen und Kaffee trinken dürfen, sagte der Schamane zu mir: „Es ist alles eine Frage der Balance.“ Die Dosis macht das Gift. Zumindest eines hat die widersprüchliche Ayahuasca-Diät schon mal geschafft: Wer bis hierher gelesen hat, hat sich über dieses Thema schon mal mit all den Dimensionen beschäftigt, die beim Ayahuasca eine Rolle spielen.

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