Puerto Maldonado: Irgendwo im Nirgendwo

Puerto Maldonado: Irgendwo im Nirgendwo

Seit gestern bin ich in Puerto Maldonado. Besser gesagt, irgendwo in der Nähe von Puerto Maldonado. Der Flughafen ist noch kleiner als der in Iquitos. Aber nennt sich “International Airport”. Selbstbewusstsein muss man haben!)

Am Flughafen war leider niemand mit meinem Namensschild, was mich erstmal etwas nervös gemacht hatte. Mich bestürzen gleich diverse Taxifahrer, um mir ihre Dienste anzubieten. Einer meinte, mein Horstel zu kennen (das Isuyama-Hostel etwa 3 Kilometer außerhalb der Stadt), also folgte ich ihm. Im Taxi war mir das Ganze doch echt unheimlich. Puerto Maldonado ist ein kleines Kaff mitten im Urwald. Niemand dort wartet auf mich und ich folge einem fremden Mann ins Auto in der Hoffnung, dass er mich dorthin bringt, wo hoffentlich doch jemand auf mich wartet. Der Taxifahrer schien zu merken, dass ich angespannt war. Er zeigte mir seinen Taxiausweis und sagte, er sei ein offizieller Taxifahrer, ich sei bei ihm sicher. Das beruhigt mich etwas, wenngleich ich mir im Klaren war, dass man mit jedem Farbdrucker solch einen Ausweis herstellen konnte.

Als wir am Hostel ankamen, standen wir am Tor zu einem kleinen, privaten Gehöft. Das Tor war einen Spalt geöffnet, ein Hund kläffte, niemand war zu sehen. Ich klingelte, doch die Klingel ging nicht. Der Fahrer rief hinein, nichts geschah. In dem Moment wollte ich nur noch weg und ich hoffte, dass der Taxifahrer mich nicht allein lässt. Irgendwann kam ein kleiner Junge mit Papagei auf der Schulter und ließ mich hinein. Wir durchquerten ein sehr verwildertes, ungepflegtes Gehöft und kamen in ein großes Holzhaus mit großer Halle im Erdgeschoss wo ein etwa 14-jähriges Mädchen wartete. Sie zeigte mir mein Zimmer und verschwand dann wieder. Keiner der beiden sprach Englisch. Ich warf meine Sachen ab und da stand ich nun. Kein Erwachsener in Sicht und niemand, der meine Sprache spricht.

Das Mädchen brachte mir Kaffee. Ich setzte mich in die große Halle und wartete. Irgendwann kam Roger, der Herbergsvater. Wie ich dann erfuhr, war er für mich zum Flughafen gefahren und hatte unterwegs eine Reifenpanne. Auch Roger sprach kein Englisch, doch auf wundersame Weise reichte mein Anfänger-Spanisch aus, um das Nötigste zu verstehen. Ich fragte ihn nach anderen Gästen. Drei Frauen aus Peru waren noch hier (die natürlich auch kein Englisch sprachen).

Roger fragte mich, was ich erleben wolle und ich sagte, ich möchte Tiere sehen. Er erklärte mir, dass es die falsche Jahreszeit für Tiere sei. Der Winter, also Mai bis September, sei dafür besser geeignet. Ich erzählte ihm, dass ich im September in Iquitos war und dort auch keine Tiere gesehen habe. Das wiederum sei die falsche Region, meinte er. Zu dicht bebaut, da würden sich die Tiere weiter in den Wald zurückziehen. Roger fragte, ob ich einen Spaziergang machen wolle, um Vögel zu sehen. Klar wollte ich! Ich zog mir Gummistiefel an und wir gingen los, begleitet von zwei Hunden. Wir wanderten über überschwemmte Wiesen und durch einen kleinen überschwemmten Wald. Vögel sagen wir zwar nicht, dafür zeigte Roger mir einige Heilpflanzen und meine Abenteuerlust wurde erstmal befriedigt.

Zurück zu Hause gab es Mittag. Es sah erstmal so aus wie das Essen, das ich aus Iquitos kannte: Reis, Linsen, Salat, Banane und Yuca. Doch dann war da noch dieses Fleisch. Ein großer, brauner Fladen. Ich probierte es und es schmeckte widerlich! Wie ein Stück Kuhfladen. (Zumindest stelle ich es mir so vor.) Ich fragte, was das sei und mein meine Befürchtung bestätigte sich: Rinderleber. Widerlich. Konnte ich leider nicht essen. Also blieb ich beim Gemüse, hatte hinterher aber immer noch Hunger.

Nach dem Mittag machten wir einen Ausflug mit dem Boot. Mit mir kamen die drei Peruanerinnen, sowie Rogers Tochter Vanessa, und Roger natürlich, der das Boot steuerte. Wir bekamen Schwimmwesten und gingen zum Boot, für welches wir einen ziemlich steilen Abhang hinunter steigen mussen. Das war die erste Herausforderung. Die zweite war es,  ins wackelnde Boot zu steigen.

Wir fuhren den Río Tambopata hinunter. Links und rechts nichts als Wald. Kaum andere Boote, keine Zivilisation. Natur pur. In der Hauptsaison sei das vollkommen anders. Die Ruhe ist einer der Vorteil der Regenzeit. Man denkt immer, dass irgendwann, nachdem man ein, zwei Stunden gefahren ist, doch wieder Zivilisation kommen müsste. Doch das ist ein gewaltiger Irrtum. Je länger man dem Strom folgt, desto tiefer landet man im Dschungel, wo es irgendwann gar keine Menschen mehr gibt – oder nur noch unkontaktierte Stämme, von denen es hier tatsächlich etliche gibt. Nach etwa anderthalb Stunden legten wir an einer kleinen Siedlung an, die nur aus zwei Häusern bestand. Hier begannen wir eine Wanderung durch den Primärwald, also durch den mit den alten Bäumen. Am Ende kamen wir auch durch ein Stück Sekundärwald, das heißt den, der nach der Abholzung neu angepflanzt wurde.

Der Wald war dicht bewuchert und nur schwer zu begehen. Roger lief mit der Machete voraus und schlug uns den Weg frei, wir folgten über Stock und Stein und durchwarteten wieder einmal Wasserlachen. Roger zeigte und diverse Medizinpflanzen und erklärte deren Wirkung. Wir sahen einen wandernden Baum der sich in 50 Jahren etwa 80 cm weiter bewegt, einen magnetischen Baum, der nach dem Blitzeinschlag das Handysignal weiterleitet und einen bambusartigen Baum, der Wasser speichert. Roger schlug einen Ast ab und ließ uns das Wasser daraus trinken.

Die Tour war recht lang und anstrengend, denn natürlich war es heiß und das Laufen im Wald – zumal in Gummistiefeln – ist schwierig. Als wir zurück zum Boot gingen, dämmerte es bereits. Auf dem Rückweg wollten wir nach Capybaras Ausschau halten. Erst kurz vor der Dunkelheit stiegen wir ins Boot und fuhren dann im Dunkeln zurück, Roger immer den Scheinwerfer aufs Ufer gerichtet. Leider zeigten sich keine Capybaras. Stattdessen sahen wir ein Faultier und einen Affen im Baum. Zurück zu Hause zeigte uns Roger noch zwei Vogelspinnen im Baum. Ich war todmüde und wollte fast schon das Abendessen ausfallen lassen, doch da erinnerte ich mich, dass das mit dem Essen dort eine ziemlich unsichere Sache war. Daher als ich doch mit. Es gab Brötchen mit neutral schmeckem Käse. Danach fiel ich dann wirklich todmüde ins Bett und schlief zwölf Stunden durch.

Als ich heute morgen um 9 Uhr aufstand, waren die anderen Gäste schon abgereist. Ich aß Frühstück und unterhielt mich, so gut es ging, mit Maria, Rodgers Frau, und mit Vanessa, seiner Tochter. Dann fand ich einen neuen Freund: Pepito, den kleinen Papageien. Er ist gerade fünf Wochen alt und wurde von der Familie gefunden. Seine Mutter hatte ihn wohl im Stich gelassen. Nun wächst Pepito hier auf und freut sich immer über Sozialkontakt. Wenn die Familie sich nicht mehr mit ihm beschäftigen will, setzt sie ihn auf einer halb hohen Holzwand ab. Da sitzt er dann und kann nicht weg, weil er noch nicht fliegen kann. Weil ich das grausam fand, habe ich Pepito immer mitgenommen, sobald ich ihn dort nervös tippelnd sitzen fand. (Im Laufe des Tages hat er etwa achtmal auf mein Kleid gekackt.)

Ich erfuhr, dass Maria Krankenschwester ist und sich nebenan eine kleine Gesundheitsstation befindet. Weil heute Sonntag ist, musste sie nicht arbeiten, war aber in Bereitschaft. Außerdem brachte sie den Tag mit Buchhaltung und Kochen zu. Ich glaube, sie hat nicht viel Freizeit.

Zu Mittag gab es Spaghetti mit roter Soße und einer Hähnchenkeule. Das war besser als das Essen vom Vortag. Zum Essen brachte Roger ein Mädchen mit, dass er unterwegs aufgelesen hatte. Sie kam aus Mexiko und war auf der Durchreise. Sie sprach zum Glück Englisch und wir konnten uns etwas besser unterhalten. Nach dem Essen zeigte Roger uns diverse Früchte, unter anderem eine mit weißem Fruchtfleisch und blauen Adern darin. Roger sagte, man reibt sich damit die Handflächen ein. Die Begründung verstand ich nicht. Zwei Stunden später merkte ich, dass ich knallblaue Hände habe! Das war dann die echte Begründung. In zwei bis drei Tagen soll die Farbe angeblich wieder weg sein. Waschen hilft dabei überhaupt nicht. (Später erfuhr ich, die Frucht, die “Wito” heißt, wird von nativen Stämmen benutzt, um sich damit die Haut zu bemalen, teilweise tief schwarz. Am Ende dauerte es zwei Wochen, bis die Farbe verschwunden war.)

Am frühen Abend fuhr Roger noch mit mir in die Stadt. Auf dem Moped über die Buckelpisten, ich hinten drauf. Er hatte einen Helm auf, ich nicht. Die ungeteerte Straße nass vom Regen. Ich hatte ziemlich Schiss, aber es hat auch Spaß gemacht. Unterwegs haben wir angehalten, um Tiere zu beobachten. Wir sahen ein Faultier, das im Baum schlief, und vier Pfauen oder große Fasane, die durch die Bäume tobten. In Puerto Maldonado angekommen, drehten wir eine Runde durch die Stadt, in der es allerdings nicht viel zu sehen gab.

Danach gingen wir in einem sehr einfachen, einheimischen Restaurant essen, in dem es tatsächlich keine Touristen gab. Roger bestellte für mich einen gebratenen (oder gegrillten?) Fisch, der wirklich sehr lecker war. Als wäre er in Limette eingelegt. Außerdem noch eine Portion Hähnchen mit einer brasilianischen Wurst. Wir teilten uns beide Teller. Hinzu kam noch eine große Karaffe von irgendeinem frisch gepressten Fruchtsaft, alles zusammen für 37 Soles, also nicht einmal 10 Euro.

Als wir zu Hause waren und ich gerade aus der Dusche kam, zeigte mir Roger noch Affen im Baum. Mein Zimmer liegt in der ersten Etage und richtige Fenster gibt es hier nicht, die Wände sind einfach halb hoch und offen. Daher kann man direkt in die Baumkrone schauen. Tatsächlich turnten darin zwei graue Affen mit langen katzenartigen Schwänzen herum, keine 5 Meter von uns entfernt.

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