Putumayo: Off the beaten track

Putumayo: Off the beaten track

Was für eine Woche! Ich würde es meine persönliche Indiana-Jones-Woche nennen, da es die mit Abstand abenteuerlichste meiner Reise war. Ich war in Putumayo, einer Region Kolumbiens, die vom Mainstream-Tourismus noch nicht entdeckt wurde. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich dorthin fahren sollte, da Putumayo nicht gerade als der sicherste Ort in Kolumbien gilt. Aber ich war neugierig auf eine bestimmte Sache und entschied mich schließlich, es zu wagen.

Nachdem ich Salento verlassen hatte, fuhr ich mit dem Bus nach Pereira, wo ich dann den ganzen Nachmittag auf den Nachtbus nach Mocoa, der Hauptstadt von Putumayo, wartete. Nach einer 17-stündigen Busfahrt kam ich an diesem abgelegenen Ort im Amazonas an. Ich hatte ein Zimmer in einem Hostel sechs Kilometer außerhalb von Mocoa (es gab nicht viele Optionen zur Auswahl). Der Standard ähnelte dem in Puerto Maldonado, war aber nicht so ungepflegt. Als ich ankam, waren keine anderen Gäste im Hostel, also verbrachte ich den Nachmittag mit Schlafen. Ich fühlte mich erschöpft von diesem extrovertierten Backpacker-Leben voller oberflächlicher Gespräche und von den schnellen Ortswechseln – einen Tag hier, einen anderen Tag dort.

Schon nach dem ersten Tag in Mocoa konnte ich sagen, dass Putumayo nichts für schwache Nerven ist. Es gibt kaum andere Touristen, eine begrenzte touristische Infrastruktur, buchstäblich spricht niemand englisch und außerhalb der Stadt lebt man mit dem, was auch den Einheimischen zur Verfügung steht. Luxus ist hier nicht mal mit Geld zu kaufen. Mit anderen Worten: Es war der perfekte Ort, um dem kommerziellen Tourismus und den Horden von Rucksacktouristen zu entkommen, die sich nun einmal an Orten finden, die vom „Lonely Planet“ empfohlen werden. (Habe ich erwähnt, dass Putumayo im „Lonely Planet“ nicht mal auf der Karte eingezeichnet ist?)

Nach nur 20 Minuten Wanderung war ich allein in diesem wunderschönen Wald. Viele Leute haben mich gefragt, ob und warum ich gern allein reise. Nun, das sind die Momente, die absolut unbezahlbar sind. Später erfuhr ich, dass nicht weit von hier ein Stamm Kanibalen lebt. Zuerst dachte ich, es sei ein Scherz, aber anscheinend war das nicht der Fall. Einmal kam ein Tourist ihnen zu nahe und ward nie wieder gesehen. Gut dass ich das bei meinem Spaziergang nicht wusste.

Indigenes Kolumbien

Putumayo liegt an der Grenze zu Ecuador und Peru, ganz im Westen Kolumbiens. Hier leben zahlreiche indigene Völker, zum Teil sogar unkontaktierte. Die Region ist reich an Bodenschätzen, was lange Zeit für Konflikte sorgte. Die kolumbianische Regierung vergab Konzessionen an ausländische Firmen etwa für den Erdöl-Abbau, was dazu führte, dass die einheimischen Familien sukzessive ihr Land verloren.

Vor einigen Jahren haben die indigenen Gemeinschaften vom kolumbianischen Staat offizielle Landtitel für die Region Putumayo zugesprochen bekommen. Seit dem dürfen sie selbst entscheiden, wer auf ihrem Land Öl abbauen darf. (Das funktioniert natürlich nicht immer ganz problemlos, aber das ist ein anderes Thema.) Obwohl das Leben in dieser Region aufgrund eines schlechten Arbeitsmarktes, einer schwachen Infrastruktur und extremen Wetterbedingungen immer noch schwierig ist, hat der Landtitel einen großen Unterschied für die Menschen gemacht.

Die Taita-Familie

Ich wollte Putumayo besuchen, um tiefer in die indigene Kultur einzutauchen und mit einem einheimischen „Medizinmann“ an einem persönlichen Thema zu arbeiten. Dadurch, dass die Region noch nicht so sehr vom Tourismus und Kommerz erfasst wurde wie etwa die Amazonas-Gegenden in Peru, war die Wahrscheinlichkeit höher, hier auf eine unverfälschte Medizin-Tradition zu treffen. Putumayo ist bekannt für seine Dichte an indigenen Heilern – sogenannten „Taitas“ – im Umkreis der Gemeinden Sibundoy, Paso und Mocoa. Ich bat den Besitzer meines Hostels, mir einen vertrauenswürdigen Taita in Mocoa zu empfehlen. Daraufhin stellte er mir Miguel vor. Wobei „vorstellen“ so leicht dahin gesagt ist. Er rief ihn an und ließ mich mit ihm telefonieren. Meine Spanisch-Kenntnisse bewegten sich nach wie vor auf A1-Niveau und die Telefonverbindung war in etwa so gut als würden wir über ein Feld-Funkgerät sprechen. Nach einigen Schwierigkeiten gelang es uns, einen Termin zu finden und ein Treffen zu vereinbaren.

Am nächsten Tag brachte mich der Besitzer des Hostels mit dem Auto in die Stadt zu meinem Treffen mit Miguel. Wir hatten uns vor einem Supermarkt verabredet – ein denkbar unheiliger Ort. Nach ein paar Minuten tauchte ein kleiner, junger Mann um die 30 auf einem Motorad auf und stellte sich als Miguel vor. Ich hatte einiges erwartet, aber nicht das. So sehen hier Schamanen aus?? Er bat mich, auf sein Motorrad zu steigen, damit wir in den Wald zu seinem Haus fahren. Nun ja… Was sagt man, wenn einen irgendwo in der Provinz Kolumbiens ein fremder Mann bittet, auf sein Motorad zu steigen, damit er mit einem in den Wald fahren kann? In diesem Moment gingen mir alle Sicherheitsempfehlungen durch den Kopf und mir war bewusst, dass ich gerade alles falsch mache, was man Südamerika-Reisenden empfiehlt. Scheiß drauf, dachte ich, jetzt bin ich schon hier…

The lovely taita family: Miguel, Veronica, Julita, Sanya and baby Nicolas.

Miguel war gerade mit seiner Familie in ein neues Haus gezogen, an dem immer noch viel gewerkelt wurde. Es war ein einfaches Holzhaus, das bezeichnenderweise keine Türen hatte. Als wir ankamen empfing uns bereits Veronica, Miguels Frau, begleitet von einem Papageien, einem riesigen Hahn und einem flauschigen Husky-Welpen. Die Familie stammt aus dem Stamm der Kamënts̈á, der in Putumayo etwa 5000 Menschen zählt. Sie haben ihre eigene Sprache, die jedoch langsam ausstirbt da junge Menschen sie nicht mehr lernen.

Nach einem ersten „diagnostischen“ Gespräch zu meiner Thematik empfahl Miguel, dass ich drei Tage bei ihm und seiner Familie bleiben solle. Am nächsten Tag kehrte ich also mit Sack und Pack zurück. Ich kann kaum beschreiben, wie außergewöhnlich diese Zeit für mich war! Die Einladung in das ungefilterte Leben einer indigenen Familie, die mir ihre (nicht vorhandenen) Türen und Herzen öffnete, war an sich schon eine sehr bewegende Erfahrung, auch ohne den ganzen Heilzauber.

Their house in the middle of nowhere. It doesn’t have doors, which is pretty symbolic. Throughout the day, many people come by to seek help from the taita or just to have a chat.

„Curanderismo“ in Putumayo

Wie schon erwähnt, war es eine persönliche Angelegenheit, die mich hierher brachte, und ich wollte einen traditionellen indigenen Heiler treffen, um mit ihm an diesem Thema zu arbeiten. Außerdem war ich neugierig! Bei allem Interesse an den Ergebnissen reise ich natürlich auch immer wie eine Anthropologin, die den Dingen mit Forschergeist und Neugier auf den Grund geht.

Traditionelle Medizin ist immer noch die Standardform der Behandlung in Putumayo. Wenn Menschen krank werden, gehen sie nicht zum Arzt mit einem Universitätsabschluss, sondern besuchen den Taita ihres Vertrauens, genauso wie alle Generationen vor ihnen auch. Taitas kümmert sich sowohl um körperliche als auch um geistige und spirituelle Fragen. Sie kennen den Wald wie ihre Westentasche und haben eine ganze Bibliothek über Heilpflanzen und deren Wirkungsweisen im Kopf. Ayahuasca ist auch hier eine von ihnen, wobei sie es hier „Yagé“ nennen.

Miguel entwarf für mich ein Behandlungsprogramm, das aus vielen verschiedenen Komponenten bestand – von Pflanzenbädern (in der Dusche, die sich einen Vorhang mit der Toilette teilte) über ein sehr ekelhaftes Reinigungsgebräu bis zu einer handgefertigten Körperlotion aus Dschungelpflanzen waren unterschiedlichste Darreichungsformen dabei. Außerdem vollzogen wir zwei sehr aufwendige Rituale. Für eines fuhren wir zu einem nahe gelegenen Fluss, in dem ich während des Rituals schwimmen musste. (Die Details der Rituale behalte ich für mich, da sie mir zu persönlich sind. Ein bisschen Geheimnis muss schließlich noch im Dschungel bleiben.)

Yagé war kein offizieller Teil meiner Behandlung, aber ich durfte trotzdem an einer Zeremonie teilnehmen. In Putumayo werden regelmäßig öffentliche Yagé-Zeremonien abgehalten. Menschen aus der Nachbarschaft kommen dann vorbei und nehmen teil, wenn sie es gerade benötigen. Unsere Zeremonie fand auf der Veranda des Hauses statt. Es war ganz anders als meine vorherige Ayahuasca-Erfahrung aus Peru.

Ein älterer Taita kam an diesem Abend zu Besuch und brachte eine Gruppe argentinischer Gäste mit. Sie hatten Schlafsäche dabei, die sie auf dem Boden ausrollten und sich daraus ein Lager bauten. Veronica und Sanya, die älteste Tochter der Familie, nahmen ebenfalls teil. Wir lagen jeweils in einer Hängematte. Ich fragte, ob jemand nicht mittrinken würde. Von früheren Zeremonien wusste ich, dass es immer gut ist, wenn jemand mit klarem Verstand in der Nähe ist, der z.B. mit Toilettengängen helfen kann. „Nein“ war die Antwort. Alle trinken. Ich musste mir also selbst irgendwie helfen. Nun ja, ich hatte ja nach dem authetischen Weg gesucht. Da war er. Irgendwie habe ich es trotz Nachtblindheit überlebt, mich auf dem Trip quer über den Hof zur Toilette zu navigieren. (Die Argentinier sind für die Geschäfte einfach in die Büsche gegangen. Die Toilette stand nur mir als Gast des Hauses zur Verfügung.) Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, Ayahuasca in der Hängematte zu trinken, fand es aber nicht die unangenehmste Erfahrung.

Sorry, nur für Jungs!

Obwohl meine Spanischkenntnisse sehr begrenzt waren, gelang es mir, ein recht aufschlussreiches Gespräch mit Sanya zu führen, der ältesten Tochter der Familie und einer jungen Frau mit viel positiver Energie. Sie zeigte großes Interesse an der traditionellen Heilkunde und war mit den Lebewesen um sie herum, egal ob Mensch oder Tier, sehr einfühlsam und geschickt. Ich fragte sie, ob sie auch Taita werden wolle. „Das ist für Frauen unmöglich“ erklärte sie, „wegen ihres ‚Mondes‘ (ihrer Periode)“. Sanya sah in meinem Gesichtsausdruck, dass mich diese Antwort verärgerte und fragte, warum.

In vielen indigenen Kulturen gilt die Periode der Frau immer noch als etwas Unreines. In krassen Fällen gilt die Möglichkeit zu Menstruieren per se als Ausschlusskriterium für einen Heilberuf, in milderen (aber nicht minder ärgerlichen) Fällen gestattet der Schamane aktuell menstruierenden Frauen die Teilnahme an einer Zeremonie nicht.

Als Feministin, die gleichzeitig die Kultur meiner Gastfamilie respektieren wollte, war es ein gewisses Dilemma für mich, Sanya eine ehrliche Antwort zu geben. Ich sagte ihr, dass es im Amazonasgebiet auch Stämme wie den Shipibo-Conibo gibt, die eine sehr starke weibliche Heiltradition haben. Ihr Gesicht leuchtete auf, denn davon hatte sie noch nie gehört. In ein paar Wochen wird sie anfangen, Anthropologie an der Universität zu studieren. Ich hoffe, dass sie dabei noch viel mehr neue Dinge erfahren wird, die sie inspirieren, ihre indigene Identität zu leben und zugleich ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

Mehr geht nicht.

Ich bin unglaublich dankbar, dass ich diese wunderbare Familie kennenlernen durfte und hoffe, eines Tages wiederzukommen. Jetzt brauche ich etwas Zeit, um dieses Abenteuer zu verdauen. Anfangs wollte ich nach einem kurzen Aufenthalt in Bogotá an die Karibikküste fahren, doch die letzten Tage waren so bewegend, dass ich das Gefühl habe, es kann für mich in Kolumbien erstmal nicht besser werden. Daher habe ich entschieden, für meine letzten Tage in Südamerika an meinen zweitliebsten Lieblingsort Cusco zurückzukehren.

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