Iquitos – die kuriose Dschungel-City

Iquitos – die kuriose Dschungel-City

Über Mittag bin ich von Lima nach Iquitos gereist, was gefühlt ewig gedauert hat. Ich musste daran denken, dass mein Geschäftspartner unseren schleppenden Firmenverkauf mal als „tantrische Erfahrung“ bezeichnet hatte. Irgendwie ist Fernreisen das auch. Ständig wartet man auf irgendwas: darauf, dass das Flugzeug startet, darauf dass es landet, dass man es verlassen darf, sein Gepäck wieder bekommt, im Hotel ankommt…

Wir haben unterwegs einen kurzen Zwischenstopp in Pucallpa gemacht, womit ich das erste Mal erlebt hätte, dass ein Flugzeug mehrere Halteorte hat und Passagiere unterwegs aus- und einsteigen lässt. Gegen 14:30 Uhr war ich in Iquitos und wurde vom Fahrer des Hotels abgeholt. (Ich wohnte im Hotel Época, einem der besseren Hotels der Stadt.) Das Klima hat mich positiv überrascht. Es ist angenehm warm, nicht brütend heiß, und die Luftfeuchtigkeit fühlt sich erstaunlich gut an. Ich hatte wirklich Schlimmes erwartet vom Tropenwetter, aber mit den klimatischen Bedingungen von heute komme ich sehr gut klar.

Iquitos ist laut, extrem wuselig, sieht aus wie ein einziger, riesengroßer Slum und stinkt fürchterlich nach Abgasen. Das Haupt-Fortbewegungsmittel hier sind Moto-Taxis – Taxis auf Motorrädern. Ganze 25.000 Stück fahren davon hier herum. Insgesamt leben in Iquitos etwa 400.000 Einwohner. Die Dschungelstadt mitten im peruanischen Amazonas ist eine der wenigen Städte der Welt, die nicht auf dem Landweg erreichbar sind. Nur per Schiff und Flugzeug gelangt man hierher. Entstanden ist Iquitos Ende des 19. Jahrhunderts während des Kautschuk-Booms. US-Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Chinesen – sie alle waren hier, um vom weißen Gold des Kautschukbaums zu profitieren. Sie alle haben in der Stadt ihre Spuren hinterlassen.

Iquitos, die Stadt im Amazonas ohne Straßenanbindung, erzählt in ihrem Stadtbild die Geschichte der Kolonialisierung und Ausbeutung dieser Region.

Nachdem ich im Hotel eingecheckt hatte, bin ich raus, um noch ein bisschen was von der Stadt zu sehen. Es war schon fast 16 Uhr und ich wusste, um 18 Uhr wird es dunkel. Ich lief den Malecon entlang, die Promenade am Fluss, ohne eigentliches Ziel. Plötzlich sprach mich jemand an und zeigte mir eine Schlange im Baum. Der Mann stellte sich als „George from the jungle“ vor und sagte, er würde im Museum gegenüber arbeiten. Bevor ich mich wehren konnte, schleppte mich Jorge ins Museum, welches vollkommen mit Mahagoni ausgekleidet war. Mahagoni wächst hier – bzw. wuchs, denn mittlerweile gilt der Baum als bedrohte Art und steht unter ganz besonderem Schutz.

Wir liefen eine Galerie mit Figuren entlang, die aussahen wie Bronzestatuen, tatsächlich aber aus Fiberglas gemacht waren. Sie zeigten Mitglieder 52 indigene Stämme, die bis heute allein auf dem Amazonas-Gebiet von Peru leben. Auch wenn sich die Zahl der indigenen Völker sicher stark dezimiert hat, war ich überrascht, dass noch so viele übrig sind. In ganz Peru Leben etwa 70 indigene Völker. Jorge selbst kommt von den Cocama und ist der Arbeit wegen nach Iquitos gezogen.

Der Hexenmarkt in Iquitos

Nachdem ich die Fiberglas-Vertreter sämtlicher Stämme kennengelernt hatte, schleppte mich Jorge hinaus zur „floating town“. Dies ist sicher eines der ärmsten Viertel hier und ich denke, allein hätte ich dort nie einen Fuß hinein gewagt. Die Holzhäuser werden alle auf Stehlen gebaut, da in der Regenzeit das ganze Viertel geflutet wird. Dann bewegen sich die Leute mit Kanus durch die Wasserstraßen wie in Venedig. Zur schlimmsten Flutzeit musste das ganze Viertel für ein halbes Jahr evakuiert werden.

Die Hauptattraktion des Viertels ist der Belen-Markt – ein Markt wie ich ihn mir immer in China vorgestellt hatte: etwa 300 Meter lang stehen Stand an Stand in einer winzigen Gasse. Gehandelt wird alles was der Urwald, der Fluss und die Viehzucht hergeben. Tropische Früchte, Heilpflanzen und Tinkturen aus dem Dschungel, bergeweise Fleisch einschließlich Krokodil, Dschungel-Wildschwein und Maden. ich habe tote Piranhas gesehen, Hühnerfüße Anaconda-Köpfe, Schildkröteneier (die hier offenbar sehr beliebt sind), kleine Krokodile… Es war bizarr!

Noch bizarrer fand ich, dass das Fleisch einfach ohne Kühlung auf den Tisch gelegt wird. Da liegt es dann einen ganzen Tag bei 30 Grad. (Einen Tag? Vielleicht auch mehrere. Ich möchte es gar nicht wissen.) Was mir vom Belen-Markt wahrscheinlich immer in Erinnerung bleiben wird, ist der entsetzliche Gestank dort. Ich musste mich zwischendurch fast übergeben und habe immer im Stillen gehofft, dass Jorge die Tour bald weglenkt von diesem Gruselkabinett.

Friedhof in Iquitos

Nach dem Markt sind wir mit einem Moto-Taxi noch durch die Stadt gefahren. Ich habe viele Einkaufsstraßen gesehen, habe den Baumarkt von Iquitos gesehen – eine Einkaufsstraße, auf der es nur Holz gibt – wir waren auf dem Friedhof, dem Hauptplatz, haben den Sonnenuntergang über den Baumkronen der Urwaldbäume beobachtet und haben das Haus besucht, das Gustav Eiffel irrtümlich hat nach Iquitos schicken lassen. Die Legende sagt, er habe das Haus, ebenso wie den Eiffelturm, auch für die Weltausstellung gebaut. Anschließend habe er es dann einem Iquitos in Ecuador geschenkt. Irgendwer hat dann was durcheinander gebracht und gelandet ist es im peruanischen Amazonas. Da steht es nun seit über 100 Jahren.

George from the jungle war natürlich kein Museumsmitarbeiter, aber ein spitzenmäßiger Fremdenführer. Ich hoffe, ich habe ihn anständig bezahlt. Ich erzählte George, dass ich zum Ayahuasca da sei und er meinte, es würde super werden – solange ich dem Ganzen positiv gegenüber stehe. Er habe es selbst schon unzählige Male genommen, denn bei seinem Volk sei es normale Medizin.

Nach der Stadtführung war ich kurz im Hotel und hätte auch direkt ins Bett fallen können. Ich raffte mich aber noch mal auf und ging den Malecon runter zum Restaurant „Dawn of the Amazon“, wo es angeblich Ayahuasca-kompatibles Essen geben sollte. Tatsächlich, man konnte vegetarisch ohne Salz bestellen. Allerdings hat es noch fürchterlicher geschmeckt als wenn ich für mich selbst gekocht habe.

Auf dem Weg zurück zum Hotel kam ich an einem Straßenstand mit Schmuck vorbei. Ich habe vergessen Ohrringe von zu Hause mitzunehmen und war glücklich, hier welche kaufen zu können. Der Verkäufer sah aus wie man sich einen Indio vorstellt. Als ich auf die Ohrringe starrte, kam ein riesiger Schmetterling angeflogen und umflatterte mich. Ich wollte ihn sachte wegscheuchen, da fingen der Indio-Verkäufer und sein Indio-Verkäufer-Assistent unisono an zu wettern: „No, no, no! Energy! Energy!“ Ich weiß nicht genau was sie meinten, ob der Schmetterling mir Energie bringt oder ob er von meiner Energie angezogen wird, aber es gefiel mir, etwas Animismus auf der Straße zu begegnen.

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